Täterkreis

Die Täter des Judenpogroms von Innsbruck waren langjährige, illegale NSDAP-Parteimitglieder sowie Mitglieder der Schutzstaffel (SS), der Sturmabteilung (SA), des Sicherheitsdienstes (SD), des Nationalsozialistischen Kraftfahrer Korps (NSKK), der Hitlerjugend (HJ) sowie der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Auf Befehl von Gauleiter Franz Hofer und SS-Oberführer Johann Feil wurden von SS-Sturmbandführer Erwin Fleiss, SS-Hauptsturmführer Dr. Leopold Spann von der Gestapo Innsbruck, SS-Untersturmführer und Innsbrucker Polizeidirektor Dr. Adolf Franzelin,  SS-Untersturmführer Gustav Jakob Fast, SA-Brigadeführer Vinzenz Waidacher und Arisierungsbeauftragter Hermann Duxneuner Gruppen in Zivilkleidung zusammengestellt, welche gegen die jüdische Bevölkerung vorgehen sollten.

Die Schutzstaffel – SS

Nach der Vereidigung von SS-Angehörigen am Adolf-Hitler-Platz, heute Platz vor dem Tiroler Landestheater, kamen die Mitglieder der SS in Zivilkleidung im Hochhaus in der Salurner Straße 11 zusammen. Dort wurden auf Befehl von Johann Feil und im Beisein von SS-Standartenführer Erwin Fleiss mehrere „Rollkommandos“ gebildet, mit dem klaren Auftrag, die Juden Richard Graubart, Wilhelm Bauer, Karl Bauer und Richard Berger umzubringen.

Salurner Strasse11

SS-Standarte, Salurner Straße 11

Die Gruppe unter SS-Hauptsturmführer Johann Aichinger mit SS-Obersturmführer Rudolf Schwarz, SS-Untersturmführern Rudolf Exner und Benno Busjak, SS-Oberscharführern Gottfried Andreaus, Robert Huttig, Herbert Rendl, Franz Dobringer und Hans Müller sowie SS-Scharführer Walter Sauerwein und SS-Unterscharführer Ferdinand Kurz beteiligten sich an den Überfällen und Morden an Ing. Richard Graubart und Dr. Wilhelm Bauer in der Gänsbacherstraße 5.

Die von SS-Obersturmführer Alois Schintlholzer geleitete Gruppe mit SS-Oberscharführer Hans Müller u.a. verletzten Karl Bauer in der Gänsbacherstraße 4 schwer.

Der SS-Obersturmführer Gerhard Lausegger und seine Gruppe aus SS-Untersturmführer Walter Hopfgartner, SS-Oberscharführer Dr. Robert Day u.a. ermordeten Ing. Richard Berger in Kranebitten.

Die aus SS-Standartenführer Erwin Fleiss, SS-Führer Walter Linser und SS-Oberscharführer Gottfried Andreaus u.a. bestehende Gruppe war bei der Zerstörung der Synagoge in der Straße der Sudetendeutschen (heute Sillgasse) beteiligt.

Die Sturmabteilung – SA

Am 9. November 1938 fand ein Aufmarsch der SA am Innrain statt und anschließend traf man sich im Gasthof Hentschel am Innrain. Im SA-Standartenheim in der Bürgerstraße 10 wurden die Mitglieder der Sturmabteilung von SA-Brigadeführer Vinzenz Waidacher und SA-Standartenführer Johann Mathoi in Gruppen aufgeteilt.

Buergerstrasse 10

SA-Standartenheim, Bürgerstraße 10

Die Gruppe unter der Führung von SA-Brigadeführer Vinzenz Waidacher mit SA-Obersturmführer Arthur Schöffthaler, SA-Standartenführer Johann Mathoi u.a. überfiel die Familie von Alois Hermann in der Leopoldstraße 28 und das Ehepaar Dubsky in der Heiliggeiststraße 2.
Die Gruppe des SA-Eisenbahnersturms Innsbruck unter SA-Sturmführer Ing. Heinrich Huber mit Otto Mohr, Josef Girardi, Jakob Krimbacher, Josef Mair, Richard Paulmichl, Josef Perner, Richard Petermichl, Johann Schöpf, Alfons Steinwendter, Alfons Ullmann und Georg Weintraut drangen in die Wohnungen von Josef und Trude Adler in der Anichstraße 5, von Flora Bauer und ihrem Sohn Stefan in der Andreas-Hofer-Straße 40 und von Wilhelm Adler, Ida Schwarz und Martha Spindel in der Maria-Theresien-Straße 33 ein.
Eine Gruppe mit SA-Obersturmführer Stanzel, SA-Obertruppführer Hans Rosenbaum, SA-Sturmmitglieder Richard Dietrich, Alfred Gnesetti und Anton Haupt verletzten Mitglieder der Familien Brüll und Diamand. Die SA-Scharführer Wilhelm Eder und Maximilian Adermann drangen mit ihrer Gruppe in die Wohnung von Dr. Eduard Fuchs und seiner Mutter Lilly in der Museumstraße 6 ein.
Die Gruppe des SA-Sanitätssturms unter Dr. Theodor Tapavicza mit SA-Obertruppführer Dr. Hubert Stoiber u.a. verschafften sich Einlass in die Wohnungen von Eszti Gottlieb in der Kaiser Franz Josef Straße 4 und von Ing. Alfred Graubart am Haydnplatz 8.
Eine Gruppe mit SA-Sturmführer Gfrerer, SA-Scharführer Theodor Haller und SA-Rottenführer Josef Schäfer warf das Ehepaar Julius und Laura Popper in die Sill und überfiel Helene Rosenstein und ihren Sohn Fritz in der Schillerstraße 4.
Der SA-Sturmmann Otto Stigger überfiel mit seiner Gruppe die Familie von Friedrich Pasch in der Salurner Straße 3 sowie Anna Seidl und Adolf Neumann in der Andreas-Hofer-Straße 29.
Ein weiterer Vorfall gegen Martin Steiner und dessen Frau Rosa in der Andreas-Hofer-Straße 3 wird dem SA-Oberscharführer Michael Stengg zugeschrieben.

Der Nationalsozialistische Kraftfahrer Korps – NSKK

Aus dem Nationalsozialistischen Kraftfahrer Korps bildeten sich auf Befehl von NSKK-Oberführer Eugen Willam mindestens drei Tätergruppen.
Die Gruppe unter NSKK-Staffelführer Rudolf Mayerbrucker und NSKK-Obersturmführer Alois Hochrainer mit den NSKK-Mitgliedern Josef Ramersdorfer, Karl Oberforcher, Hans Berger, Josef Alois Seipt, Vinzenz Stauder, Hermann Moser, Georg Walcher, Konrad Saumweber und Martin Liedoll verübten Überfälle auf Mitglieder der Familien Schwarz, Löwensohn, Meisel und Diamand in der Falkstraße 19, Fischergasse 17 (heute Franz-Fischer-Straße) und Templstraße 8.
Die Gruppe von Ing. Dr. Richard Dagostin drangen in die Wohnungen der Maria-Theresien-Straße 33 ein.
Die Gruppen unter NSKK-Sturmführer Karl Hanl mit Karl Zoller, Johann Moser, Heinrich Robert Wallach, Hans Lackner und Sepp Kogler stürmten Wohnungen in der Fischergasse 20 und 22 (heute Franz-Fischer-Straße), wo Anna und Josef Schulhof bzw. Josef und Marianne Schenkel und die Familie Rado lebten.
Der in der Andreas-Hofer-Straße 13 wohnende Hugo Schindler wurde von einer weiteren NSKK-Gruppe unter Obertruppführer Josef Ebner mit August Hörhager, Hans Ruedl, Hans Bayer, Karl Tautermann und Josef Schneider überfallen.

Die Geheime Staatspolizei – GESTAPO

Die Gestapo traf sich in ihrem Hauptsitz in der Bienerstraße 8 und stellte jeweils zwei Männer als “ Schutz“ für jeden Juden zur Verfügung, diese allerdings kooperierten durch die Verhaftung der männlichen Juden mit den SS-Männern.
Der 21jährige Gestapo-Beamte Ferdinand Obenfeldner war in der Pogromnacht an der Verhaftung von Richard und Viktor Schwarz in der Falkstraße 19 beteiligt.

Hauptsitz Gestapo 1938, Zubau Bienerstraße 8


Der Leiter der Gestapo, Dr. Wilhelm Harster 
verhinderte eine genaue Untersuchung durch die Kriminalpolizei sowie eine Obduktion der beiden Ermordeten Wilhelm Bauer und Richard Graubart. Diese wurden auf Befehl der Gestapo nach München überführt und dort eingeäschert. Weiters stellte er der gesamten jüdischen Bevölkerung Tirols ein Ultimatum bis 31. März 1939 nach Wien zu übersiedeln und von dort auszuwandern.

Bürgermeister und Polizeidirektion von Innsbruck

Der damalige Oberbürgermeister von Innsbruck und oberster Befehlshaber der Feuerwehr Dr. Egon Denz verhinderte ein Eingreifen der Feuerwehr.

Der Polizeidirektor von Innsbruck SS-Untersturmführer Dr. Adolf Franzelin gab Befehl, Notrufe in der Pogromnacht nicht zu beachten. Die Morde an Wilhelm Bauer und Richard Graubart wollte er als Selbmorde zu Protokoll bringen.

Prozess

Gegen Johann Aichinger und Walter Hopfgartner kam es zu einem Prozess vor dem obersten Parteigericht in München. Beide wurden Anfang 1939 freigesprochen. Erst nach dem Krieg wurden die Ereignisse rund um die Pogromnacht neu aufgerollt und es kam teilweise zu Verhaftungen und Verurteilungen durch das Volksgericht beim Landesgericht Innsbruck.

Weitere Informationen zur Nachkriegsjustiz und Täterbiografien


update 27.10.2018
Literatur:

Martin Achrainer < Zum Umgang mit den NationalsozialistInnen in Tirol nach 1945 > in: Verein zur Förderung justizgeschichtlicher Forschungen und Verein zur Erforschung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ihrer Aufarbeitung (Hg.), „Justiz und Erinnerung Nr.10“, Mai 2005, S 11-14

Thomas Albrich (Hg.) < Die Täter des Judenpogroms 1938 in Innsbruck > Haymon Verlag Innsbruck-Wien 2016

Thomas Albrich / Michael Guggenberger < „Nur selten steht einer dieser Novemberverbrecher vor Gericht“ – Die strafrechtliche Verfolgung der Täter der so genannten „Reichskristallnacht“ in Österreich, Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht – Der Fall Österreich > StudienVerlag 2006, S 26-56

Thomas Albrich < Ing. Robert Schüller: "Ich war, bin und bleibe ein Nationalsozialist" > in: Wir lebten wie sie… – Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg, Haymon Verlag 1999 

Christoph W. Bauer < Graubart Boulevard > Haymon Verlag Innsbruck-Wien 2008

Christoph W. Bauer < Im Alphabet der Häuser - Roman einer Stadt > Haymon Verlag Innsbruck-Wien 2007, S 263-297 

Johannes Breit < Das Arbeitserziehungslager Innsbruck-Reichenau und die Nachkriegsjustiz > Maturafachbereichsarbeit Juni 2007, S 41, 48-50 

Burgl Czeitschner / Hubertus Czernin / Ernst Schmiederer < Einige Sekunden blieb alles still / Novemberpogrom in der „Ostmark“, seine Täter, ihre Opfer > in: Profil Nr. 45, 7. November 1988, S 62 ff

Michael Gehler < Murder on Command – The Anti-Jewish Pogrom in Innsbruck – 9th-10th November 1938 > in: Year Book XXXVIII, Leo Baeck Institute. 1993, S. 119-153

Andreas Hauser < Die Akte Hofer: „Ich bleibe Nationalsozialist“ > in: Echo 07-08/2008, S 66

Gretl Köfler < Die „Reichskristallnacht“ > in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.) – Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 bis 1945 – Österreichischer Bundesverlag Wien 1984, Band 1, S 448-462

Herbert Lackner < Die Hakenkreuzfahrer > in: profil 33, 11.08.2008, S 28-35 

Christian Mathies < "Immer auf der Seite der Demokratie?" - Überlegungen zur Kontroverse um die NS-Vergangenheit von Ferdinand Obenfeldners > in: Gaismair-Jahrbuch 2008 – Auf der Spur, StudienVerlag 2007, S 42-50

Wolfgang Meixner < „Arisierung“ – die „Entjudung“ der Wirtschaft im Gau Tirol-Vorarlberg, Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit > StudienVerlag 2002, S 319-340

Sonja Niederbrunner < „Das Gefühl der Schuld wird mich begleiten“, Er war Leiter der Gestapo in Innsbruck, ein hochrangiger Nazi in den Niederlanden und in Italien – und Oberregierungsrat im bayerischen Innenministerium. Wilhelm Harster stand zwei Mal vor Gericht – er bereute. > in: Echo Nr.101, Ausgabe 11/2007, S. 48-49

Horst Schreiber < "Werner Hilliges: Leiter der Gestapo Innsbruck" > in: Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol – Opfer . Täter . Gegner, Tiroler Studien zu Geschichte und Politik, Michael-Gaismair-Gesellschaft, StudienVerlag 2008, S 207-208 

Horst Schreiber < Franz Hofer: Gauleiter und Reichsstatthalter von Tirol-Vorarlberg > in: Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol – Opfer . Täter . Gegner, Tiroler Studien zu Geschichte und Politik, Michael-Gaismair-Gesellschaft, StudienVerlag 2008, S 86-88

Gad Hugo Sella < Die Juden Tirols – Ihr Leben und Schicksal > Israel 1979

Sabine Sonnweber < SS-Standartenführer Erwin Fleiss > in: Thomas Albrich (Hg.), „Die Täter des Judenpogrom 1938 in Innsbruck“, Haymon Verlag Innsbruck-Wien 2016, S 53-57

Gerald Steinacher < Nazis auf der Flucht – Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen > StudienVerlag 2008, S 39 ff, 50, 78-80, 171, 265 ff , 291, 296

Bildnachweis

(a) http://presentations.uib.no/pls/portal/NAFA.X_TABELL_829_56_3.show

(b) © Privatbesitz Wolfgang Feil

(bb) Spann – Bundesarchiv Berlin / http://www.flugzeugabstuerze-saarland.de/Bushell_Scheidhauer.pdf

(c) profil Nr. 45 – 7. November 1988, S 73 

(d) DOEW

(e) http://forum.axishistory.com/viewtopic.php?t=1629

(f) Denz – Ausstellung „Stadtplanung und Architektur der 30er Jahre“ Archiv für Baukunst, Universität Innsbruck

Quellen:

(1) a/ http://www.historyinfilm.com/escape/real9.htm b/ http://forum.axishistory.com/viewtopic.php?f=38&t=151833 c/ Information über den Tatort von Silvano Wueschner – Email 1.7.2015

(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Hofer_(Gauleiter)

(3a) http://www.schnitzler-aachen.de/Surftipps/2000_06.htm

(3b) http://www.breit.biz/sites/bertbreit_ns.html

(3c) Triumph der Gerechtigkeit, Flucht von Adolf Eichmann – http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77745555.html – visit 27.08.2012 

(3d) http://dietiwag.org/blog/index.php?datum=2013-11-06 – visit 16.11.2013

(4) Christian Ritz – http://historiker-in-muenchen.com/pageID_4835828.html

(5) http://www.cine-holocaust.de/cgi-bin/gdq?efw00fbw002552.gd

(6) http://www.powcamp.fsnet.co.uk/SS-Gruppenf%FChrer_und_Generalleutnant_der_Polizei_Dr_jur_Wilhelm_Harster.htm

(7) Wolfgang Neugebaur, Peter Schwarz (Hg.) < Der Wille zum aufrechten Gang - Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten > Czernin Verlag Wien 2005, S. 151-160

(8) Wikipedia – http://de.wikipedia.org/wiki/Egon_Denz – visit 30.10.2012

Wikipedia – http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Feil

http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Hickl – visit 04.11.2012 

Wolfgang Meixner – Email vom 02.11.2008 – Hermann Duxneuner – Der Historiker Wolfgang Meixner hat mich auf biografische Daten von Hermann Duxneuner aufmerksam gemacht, welche er bereits in seinem Aufsatz < "Arisierung" - die "Entjudung" der Wirtschaft im Gau Tirol-Vorarlberg, in: Rolf Steininger, Sabine Pitscheider (Hg.), "Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit", StudienVerlag 2002, S 319-340 >erforscht hat. Für diesen Hinweis bin ich ihm zu Dank verpflichtet.

http://www.donau-uni.ac.at/imperia/md/content/department/imb/personen/blaschitz/ns-fl__chtlinge_blaschitz.pdf

http://echo-online.at/webEdition/we_cmd.php?we_cmd[0]=preview_objectFile&we_objectID=3245&we_cmd[2]=160

Tiroler Tageszeitung 1946, Nr. 237 – S 3, Nr. 238 – S 5 – Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Tiroler Neue Zeitung 1946, Nr. 202 – S 3 – Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Tiroler Tageszeitung 1990, Nr. 151, S 4 – Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Der Standard 1990, Nr. 493, S 5 – Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

http://forum.axishistory.com/viewtopic.php?f=38&t=36486&start=15 – view 15.07.2009

http://www.denkmalprojekt.org/2009/innsbruck-mariahilf_eg_wk1u2_tirol_oe.htm

http://www.petschenga-parkkina.de/Kam(HP)/Kam-W.htm – visit 04.11.2012

http://www.musikland-tirol.at/ARGE-NS-Zeit/index.html

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