Bienerstraße

Stadtteil Saggen

Bienerstrasse 8

April 2013 © Thomas Kleissl

Bienerstraße 8

Die Gestapo Innsbruck wurde im März 1938 in der Herrengasse 1 offiziell installiert und mit dem aus Bayern stammenden Kriminalisten und Geheimpolizisten Dr. Wilhelm Harster als Leiter besetzt. Von Ende März 1938 bis Mai 1939 wurde das Hauptquartier der Innsbrucker Gestapo in die Bienerstraße 8 verlegt – im Gebäude der heutigen ÖBB-Direktion. In der Pogromnacht wurden viele Juden in die Bienerstraße gebracht und dort gefangengehalten. 1939 übersiedelte die Gestapo wieder in die Herrengasse 1 und blieb dort bis zum Mai 1945.

Die Staatspolizeistelle Innsbruck wurde zwischen 1938 und 1945 von folgenden Personen geleitet:

1938 – 1939 – Dr. Wilhelm Harstergeboren 1904 in Bayern

1939 – 1940 – Dr. Forstner und Dr. Leopold Spann aus Deutschland

1940 – 1941 – Dr. Wilhelm Müller, geboren 1902 in Köln

1941 – 1942 – Adolf Hoffmann, geboren 1904 in Mainz

1942 – 1944 – Werner Hilliges, geboren 1903 in Berlin-Charlottenburg; Rudolf Thyrolf, 1906 in Warschau geborener Deutscher; Friedrich Busch, aus Deutschland

1944 – 1945 – Dr. Max Nedwed, geboren 1904 in Hallein


Bienerstrasse 27

2018 © Thomas Kleissl

Bienerstraße 27

In der Bienerstraße 27 wohnte das aus Polen stammende Ehepaar Fanny Krieser, geborene Kleinmann und Julius Krieser-Eibuschütz zusammen mit den in Innsbruck geborenen Kindern Rudolf, Käthe und Erna. 

In der Pogromnacht wird Julius Krieser misshandelt, verhaftet und mit allen anderen Juden im Hauptquartier der Innsbrucker Gestapo in der Bienerstraße 8 für mehrere Tage gefangengehalten. 

Julius lebte seit 1897 in Innsbruck und führte zusammen mit seiner Frau das „Kleiderhaus Julius Krieser“, ein Herrenkonfektionsgeschäft in der Erlerstraße 4. In ihrer Freizeit spielten beide gerne Schach. Ab 1931 engagiert sich Julius Krieser im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde. Sohn Rudolf war ein talentierter Musiker, spielte oft die Geige bei Konzerten des Innsbrucker Musikvereins und studierte Rechtswissenschaft. Mit nur 20 Jahren stirbt er am 1. Oktober 1931 in der psychiatrischen Klinik in Innsbruck.
Die Zwillingschwestern Käthe und Erna besuchten das Gymnasium in der Sillgasse. Im Juni 1938 nimmt Erna eine Stelle als Kindermädchen bei der jüdischen Familie von Charlota Ottolenghi, geborene Sarsowski in Florenz, Italien an. Darauf beginnt ein vielseitiger Briefverkehr zwischen Erna und ihrer Mutter Fanny sowie Schwester Käthe, in denen die dramatischen Entwicklungen in Innsbruck und Hoffnungen auf eine baldige Auswanderung geschildert werden.

Briefpapier Kleiderhaus Julius Krieser (a)

Am 15. April 1938, einem Karfreitag werden in Innsbruck alle Schaufenster von jüdischen Geschäfte beschmiert, so auch jene des „Kleiderhauses Julius Krieser“. Julius Krieser muss sein Warenlager zu Schleuderpreisen abverkaufen und im September 1938 wird das Geschäft von „Birnbauer & Flick“ arisiert.

Erlerstraße 4 – Damenwäschegeschäft Pini Stössinger, Kleiderhaus Julius Krieser (Markise), 15.04.1938 (b)

Nachdem in Kraft getretenen Aufenthaltsverbot für Jüdinnen und Juden in Tirol übersiedeln Julius Krieser, seine Frau Fanny und Käthe am 15. Dezember nach Wien. In einer Postkarte vom 3. Dezember schreibt Fanny Krieser, wie schwer es ihr fällt „von der Ruhestätte meines unvergesslichen Kindes Abschied zu nehmen.“

Nach einem kurzen Aufenthalt bei Dora Treves, einer Tante von Charlota Ottolenghi, in Triest, verläßt Erna am 16. März 1939 mit dem Frachter „Aghia Zoni“ Europa. Nach einer fünfwöchigen Reise, bei der sie vielen jüdischen MitbürgerInnen aus Innsbruck wieder begegnet, u.a. Eva Alloggi und ihrem Sohn Aldo, Rabbiner Elimelech Rimalt und seiner Familie, Hermine Silberstein, dem Ehepaar Binder und Mitgliedern der Familien Spindel, Komet und Stiassny, erreicht sie am 22. April 1939 Palästina. Zu einem Wiedersehen mit ihrer Familie wird es nicht mehr kommen.

Griechischer Frachter Aghia Zoni (c)

Käthe besuchte mehrere Monate eine Hachscharah, ein von der zionistischen Jugendbewegung organisierter Kurs als Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina. Im März 1941 heiratet sie in Wien Otto Grünhut. Im September 1941 werden beide ins Ghetto Lodz deportiert und ermordet. Am 17. Juli 1942 werden Julius und Fanny Krieser von Wien ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und dort cirka 1944 ermordet.

Erna Krieser wird den aus einer ungarischen Familie stammenden, späteren Bauunternehmer Jacob Schiller heiraten und zwei Kinder bekommen. Zwei Jahre nach ihrem Mann stirbt Erna Krieser 1994 in Israel.


update 10.10.2018

Literatur:

Thomas Albrich < Wir lebten wie sie… – Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg > Haymon Verlag 1999

Wilfried Beimrohr < „Gegnerbekämpfung“ – Die Staatspolizeistelle Innsbruck der Gestapo > in: Rolf Steininger / Sabine Pitscheider (Hg.), Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit (Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte 19), StudienVerlag 2002, S 131-150

Johannes Breit < Das Arbeitserziehungslager Innsbruck-Reichenau und die Nachkriegsjustiz > Maturafachbereichsarbeit Juni 2007

Niko Hofinger < Es is, Ernerl, sehr traurig. Ich werde fast krank dies alles mit ansehen zu müssen." Die Entrechtung und Vertreibung Innsbrucker Juden ab 1938, erzählt in den privaten Briefen der Frauen der Familie Krieser > in: Horst Schreiber (Hg.), 1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols, Eine Veröffentlichung des Innsbruck Stadtarchivs, Folge 62, Studien zur Geschichte und Politik, Bd. 21, Michael-Gaismaier-Gesellschaft,  StudienVerlag 2018, S 370-399

Horst Schreiber < Jüdische Geschäfte in Innsbruck - Eine Spurensuche > Projekt des Abendgymnasiums Innsbruck; Tiroler Studien zu Geschichte und Politik 1, herausgegeben von der Michael-Gaismair-Gesellschaft, StudienVerlag 2001, S 66-67

Andrea Sommerauer < Die Gestapo-Zentrale > in: Gabriele Rath / Andrea Sommerauer / Martha Verdorfer (Hg.), „Bozen Innsbruck – zeitgeschichtliche stadtrundgänge“, Folio Verlag 2000, S. 109 – 113

Bildernachweis:

(a) Briefpapier Kleiderhaus Julius Krieser – http://altneu.han-solo.net/osfia/tng_wordpress/showmedia.php?mediaID=3241 – visit 10.10.2018

(b) Erlerstraße 4, Geschäfte Stössinger und Krieser – © Stadtarchiv / Stadtmuseum Innsbruck 

(c) Frachter Aghia Zoni – http://www.nostal.co.il/Site.asp?table=Terms&option=single&serial=13005&subject=%E0%E5%F0%E9%E5%FA%20%EE%F2%F4%E9%EC%E9%ED&portal=%E4%F2%F4%EC%E4%20%E5%F2%EC%E9%E5%FA%20%EC%E0%94%E9# – visit 10.10.2018

Quelle:

Wilfried Beimrohr – Email

Hohenems Genealogie – Familie Krieser – visit 10.10.2018

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