Herschel Grynszpan wird unmittelbar nach der Tat verhaftet. In einer Abschiedskarte an seine Eltern vom 7. November 1938 schreibt er:
„Meine liben Eltern! Ich konnte nicht anders tun, soll G´´tt mir verzeihen, das Herz blutet mir wenn ich von eurer Tragödie und 12.000 anderer Juden hören muß. Ich muß protestieren, das die ganze Welt meinen Protest erhört, und das werde ich tun, entschuldigt mir. Hermann.“ (1)
Als am Nachmittag des 9. November 1938 der Tod von Ernst vom Rath verkündet wird, läuft die Propagandamaschine auf Hochtouren. Das Attentat wird als "Anschlag des Judentums auf das deutsche Volk" medial zelebriert, Propaganda Minister Joseph Goebbels hält eine antisemitische Hetzrede am Abend in München, Adolf Hitler befürwortet "Racheaktionen" im Hinblick auf die Beschaffungsmöglichkeiten jüdischen Vermögens zur Finanzierung der geplanten Kriegsausrüstung. (2)
SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich verschickt nach Mitternacht ein Fernschreiben an die Staatspolizeistellen mit dem Betreff
"Maßnahmen gegen Juden in der heutigen Nacht:
Auf Grund des Attentats gegen den Leg. Sekr. v.Rath in Paris sind im Laufe der heutigen Nacht - 9./10.11.38 - im ganzen Reich Demonstrationen gegen die Juden zu erwarten. Für die Behandlung dieser Vorgänge ergehen folgende Anordnungen
1.) Die Leiter der Staatspolizeistellen oder ihre Stellvertreter haben sofort nach Eingang dieses Fernschreibens mit den für ihren Bezirk zuständigen Politischen Leitungen - Gauleitung oder Kreisleitung - fernmündlich Verbindung aufzunehmen und eine Besprechung über die Durchführung der Demonstrationen zu vereinbaren, zu der der zuständige Inspekteur oder Kommandeur der Ordnungspolizei zuzuziehen ist. In dieser Besprechung ist der Politischen Leitung mitzuteilen, daß die Deutsche Polizei vom Reichsführer der SS. und Chef der Polizei die folgenden Weisungen erhalten hat, denen die Maßnahmen der Politischen Leitungen zweckmäßig anzupassen wären:
a) Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (zB. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist).
b) Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden. Die Polizei ist angewiesen, die Durchführung dieser Anordnung zu überwachen und Plünderer festzunehmen.
c) In Geschäftstraßen ist besonders darauf zu achten, daß nicht jüdische Geschäfte unbedingt gegen Schäden gesichert werden.
d) Ausländische Staatsangehörige dürfen - auch wenn sie Juden sind - nicht belästigt werden.
2.) Unter der Voraussetzung, daß die unter 1) angegebenen Richtlinien eingehalten werden, sind die stattfindenden Demonstrationen von der Polizei nicht zu verhindern, sondern nur auf die Einhaltung der Richtlinien zu überwachen.
3.) Sofort nach Eingang dieses Fernschreibens ist in allen Synagogen und Geschäftsräumen der jüdischen Kultusgemeinden das vorhandene Archivmaterial polizeilich zu beschlagnahmen, damit es nicht im Zuge der Demonstrationen zerstört wird. Es kommt dabei auf das historisch wertvollere Material an, nicht auf neuere Steuerlisten usw. Das Archivmaterial ist an die zuständigen SD-Dienststellen abzugeben.
4.) Die Leitung der sicherheitspolizeilichen Maßnahmen hinsichtlich der Demonstrationen gegen Juden liegt bei den Staatspolizeistellen, soweit nicht die Inspekteure der Sicherheitspolizei Weisungen erteilen. Zur Durchführung der sicherheitpolizeilichen Maßnahmen können Beamte der Kriminalpolizei sowie Angehörige der SD., der Verfügungstruppe und der allgemeinen SS. zugezogen werden.
5.) Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zuläßt, sind in allen Bezirken so viele Juden - insbesondere wohlhabende - festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde, männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schnellster Unterbringung der Juden in den Lagern Verbindung aufzunehmen. Es ist besonders darauf zu achten, daß die auf Grund dieser Weisung festgenommenen Juden nicht mißhandelt werden.
6.) Der Inhalt dieses Befehls ist an die zuständigen Inspekteure und Kommandeure der Ordnungspolizei und an die SD-Ober- und Unterabschnitte weiterzugeben mit dem Zusatz, daß der Reichsführer SS. und Chef der Deutschen Polizei diese polizeilichen Maßnahmen angeordnet hat. Der Chef der Ordnungspolizei hat für die Ordnungspolizei einschließlich der Feuerlöschpolizei entspr. Weisungen erteilt. In der Durchführung der angeordneten Massnahmen ist engstes Einvernehmen zwischen der Sicherheitspolizei und der Ordnungspolizei zu wahren.
Der Empfang dieses Fernschreibens ist von den Stapoleitern oder seinen Vertretern durch FS. an das GeheimeStaatspolizeiamt - z.Hd. SS- Standartenführer M ü l l e r - zu bestätigen.
gez. H e y d r i c h SS-Gruppenführer". (3)
Die organisierten Übergriffe in der Reichspogromnacht, auch "Reichskristallnacht" genannt, richten sich gegen tausende jüdische MitbürgerInnen im Deutschen Reich, dabei werden offiziell 90 Juden ermordet und zahlreiche gedemütigt, misshandelt, eingesperrt und in Konzentrationslager deportiert. Synagogen werden zerstört und in Brand gesteckt, Friedhöfe geschändet, Wohnungen und Geschäfte zerstört. Für diese gezielten "Aktionen" zeichnete die "radikale antisemitische Parteibasis" verantwortlich, der erhoffte "Volkszorn" blieb großteils aus.
"Der gescheiterte Versuch, eine Volksbewegung von unten in Gang zu setzen, führte so am Ende zu einer verschärften staatlichen Unterdrückung von oben" (Historiker Hans Mommsen). Es kam zu einer weiteren Radikalisierung der antijüdischen Politik und zum gänzlichen Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben. Den jüdischen Gemeinden wurde eine Strafzahlung von einer Milliarde Reichsmark für die enstandenen Schäden in der Pogromnacht auferlegt. (4)
Nach der Reichspogromnacht reagierten viele Staaten mit Protestnoten durch ihre ausländischen Vertretungen. Papst Pius XI wollte die diplomatischen Beziehungen des Vatikans mit Deutschland unterbrechen, aber sein Staatssekretär Eugenio Pacelli, welcher 1933 massgeblich an den Verhandlungen des Vatikanischens Konkordats (Reichskonkordat) mit Hitler´s Vizekanzler Franz von Papen beteiligt war, riet ihm davon ab. Papst Pius XI erinnerte daran, dass es "nur eine menschliche Rasse gäbe" und dass sich Christen nicht am Antisemitismus beteiligen dürften, da "spirituell gesehen, alle Semiten wären." Als er drei Monate nach der Kristallnacht starb, wurde Pacelli als Papst Pius XII zu seinem Nachfolger ernannt. (5)
Vonseiten der hiesigen katholischen und evangelischen Kirchenleitungen sind keine Kommentare bzw. Proteste bekannt. (6)
Nach Berichten in englische Zeitungen wie The Times, News Chronicle, Manchester Guardian, Observer, Evening Standard, Daily Herald, Washington Post, Palestine Post sowie holländischen und Schweizer Zeitungen, empfing Joseph Goebbels am 11. November 1938 ca. 150 Vertreter der Auslandspresse, um über die Ereignisse der vorangegangen Tage eine Stellungnahme abzugeben. (7, 8)
Der 25 jährige Radiojournalist Eldon Walli , ein Illegaler der ersten Stunde, berichtet am 10. November 1938 für den Nationalsozialistischen Rundfunk live aus dem abgebrannten Leopoldstädter Tempel in Wien:
"Wien 10. November. Wir stehen mit unserem Mikrofon in dem grossen Leopoldstädter Judentempel. Ihn heute noch so zu bezeichnen ist eigentlich etwas geschmeichelt. Denn die erbitterten Einwohner, arischen Einwohner dieses Bezirkes haben nach dieser ruchlosen Tat von Paris es sich nicht nehmen lassen, um auch hier ihren abgrundtiefen Hass gegen das Judentum zu bezeigen. Der Judentempel war in wenigen Minuten ein Raub der Flammen. Und wenn wir uns jetzt hier in diesem orientalischen Kuppelbau umsehen, dann ist von dem eigentlichen Tempel, von diesem prunkvollen und mit viel Geld erbauten Gebäude nur mehr das Gerippe, das alte Gerüst übriggeblieben. Und dieses Gerüst ist schon so baufällig, dass das Wahrzeichen des Judentums auf das sie besonders in Wien so stolz waren, hoffentlich in wenigen Tagen zur Gänze mit dem Erdboden gleichgemacht wird, und zur Gänze hier in Wien verschwinden wird. Die Wiener Bevölkerung, die immer mit erbittertem Grimm in der Tempelgasse an diesem Prunkbau vorbeigegangen ist, steht jetzt auf der Strasse und jeder möchte gerne hereinsehen, möchte sich überzeugen wie es hier aussieht und ob tatsächlich alles so ist wie es ihnen ums Herz ist - nämlich so, dass man es nicht wieder aufbauen kann. ... Bei uns sind die Männer der Feuerwehr, die Männer der SA und der Kreisleitung. Die Juden können es sich nur selbst zuschreiben, dass es soweit gekommen ist und das werden hier alle die hier um mich herumstehen bestätigen können. Bei uns ist der Tempeldiener, d.h. nicht der Tempeldiener- ist vielleicht schlecht ausgedrückt - sondern der Tempelportier, der bisher die Aufgabe hatte, über dieses Gebäude zu wachen. Bezeichnenderweise hat man wieder einen Arier zu diesem schönen Geschäft genommen, denn ein Jude wäre für diese tiefe und einfache Arbeit - das ist nämlich neben den elektrischen Arbeiten, die hier in diesem Hause notwendig waren und Heizer, da ist ein Jude nämlich zu schade, wissen Sie. Juden haben nur Interesse Arbeiten zu vollrichten und zu vollbringen, die möglichst wenig beschmutzte Hände verschaffen und möglichst viel Geld in den Sack bringen."
(Niederschrift eines Ausschnittes der Radiosendung vom 10.11.1938 - Quelle: Hörspuren - Audio-Guides Wien 1938)
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Nach Aufenthalten in französischen Gefängnissen kommt Herschel Grynszpan in das KZ Sachsenhausen. Der von Goebbels geplante Schauprozess fand nie statt, Grynszpan selbst soll Gerüchten zufolge überlebt haben, wurde aber 1960 von der westdeutschen Regierung für tot erklärt. Seine Eltern überlebten die Deportation und den Holocaust und flüchteten in die Sowjetunion. (9)
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Herschel Grynszpan - 8. November 1938 (c) |
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Novemberpogrom 1938 in Innsbruck
Bereits vor der Rückkehr des Gauleiters Franz Hofer aus München, wo er den traditionellen Reden zum Gedenken and die "Gefallenen" des Putschversuchs von 1923 beiwohnte, versammelten sich die Mitglieder der Organisationen der NSDAP gegen 1 Uhr nachts in der Bürgerstrasse 10 im SA-Standartenheim und bereiteten sich unter Befehlsgabe von SS-Oberführer Johann Feil auf die bevorstehenden Ausschreitungen vor. Die vom Arisierungsbeauftragten Hermann Duxneuner erstellte "Judenliste" wurde für die Aufteilung der Gruppen in Zivil gekleideter SS-Männer herangezogen.
Der darauffolgende Pogrom war in Innsbruck neben Wien im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl und zur Größe der jüdischen Gemeinde eine der blutigsten Schauplätze. Richard Berger, Wilhelm Bauer und Richard Graubart wurden in dieser Nacht ermordet und viele schwer verletzt, darunter Josef Adler, Flora Bauer und ihr Sohn Stefan, Karl Bauer, Rudolf und Julie Brüll, Berta Dannhauser, Ephraim und Mina Diamand, Eduard Fuchs, Arthur Goldenberg, Alfred Graubart, Julius Meisel, Friedrich und Dora Pasch, Julius und Laura Popper, Louis Rado, Helene Rosenstein und ihr Sohn Fritz, Richard Schwarz sowie Wolf Meier Turteltaub. Josef Adler erlag seinen Verletzungen zwei Monate später. 18 Männer wurden festgenommen, die Wohnungen der meisten damals noch nicht ausgewanderten Juden schwer beschädigt, zwei Geschäfte geplündert sowie die Einrichtung der Synagoge zerstört. Die Innsbrucker Bevölkerung beteiligte sich an den Übergriffen nicht.
Nach der Pogromnacht wurden fast alle Tiroler Juden nach Wien ausgewiesen.
Am 11. November 1938 erschien in der Neusten
Zeitung Nr. 257, 26. Jg. folgender Artikel:
"
Die Synagoge in Innsbruck zertrümmert
Die
feige Bluttat des Mordbuben Grünzspan in Paris hat in allen
Teilen des Reiches zu schweren Kundgebungen gegen die Hebräer
geführt. Wie in allen deutschen Städten ist es auch
in Innsbruck zu ähnlichen Zusammenstößen
gekommen. Die berechtigte und verständliche Empörung
hat auch in unserer Stadt zu Ausschreitungen geführt, die
durch ihren elementaren Ausbruch der zutiefst erregten
Bevölkerung Opfer gefordert hat. / Unter anderem wurde die
jüdische Synagoge in der Straße der
Sudentendeutschen von einer Menschenmenge in der Nacht zum Donnerstag
gestürmt und im Innern zerstört. Die Menge
zertrümmerte in ihrer berechtigten Wut über die
erbärmliche Blutbad die Einrichtungsgegenstände des
jüdischen Hauses und machte in erregten Rufen gegen die Juden
ihrer verständlichen Empörung Luft. / Auch die
wenigen noch nicht entjudeten Geschäfte fielen dieser
Empörung zum Opfer. Zwei Innsbrucker Judengeschäfte
wurden in den frühen Morgenstunden des Donnerstags
gründlich zerstört. / Um weitere Ausschreitungen zu
verhindern, mußte eine Reihe von Juden in Schuzhaft genommen
werden. / Die Erklärung der Reichsregierung, durch gesetzliche
Maßnahmen das brennende Problem dieser unerwünschten
Gäste zu lösen, macht künftige
Ausschreitungen überflüssig. Die Bevölkerung
wird diszipliniert diese Maßnahmen zur Kenntnis nehmen und
nach ihr handeln. Im übrigen ist durch die großen
Fortschritte der Entjudungsaktion gerade Innsbruck und damit unser Gau
in der glücklichen Lage, in allerkürzester Zeit von
jeglicher jüdischen Belastung endgültig befreit zu
werden." (10)
Aufgrund eines Befehls von Goebbels wurden Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft verhindert, sodass die Betroffenen keine Rechtsmittel in Anspruch nehmen konnten. (11)
Erst nach dem
Krieg wurden die Ereignisse rund
um die Pogromnacht neu aufgerollt und es kam teilweise zu Verhaftungen und
Verurteilungen durch das Volksgericht beim Landesgericht Innsbruck. Keiner der vor Gericht gebrachten Täter wurde wegen Mordes verurteilt. >>> Nachkriegsjustiz